Die letzten Zeugen – Kinder im Zweiten Weltkrieg
Ein deutsch-belarussisches Theater- und Hörspielprojekt nach dem Buch von Swetlana Alexijewitsch

Das Theaterstück „Die letzten Zeugen“ und die Tournee
Ich arbeitete von 2017 bis 2019 in Belarus und baute ein Netzwerk für eine Theaterproduktion auf. Ich hatte einen Roman von Swetlana Alexijewitsch für die Bühne bearbeitet, „Die letzten Zeugen – Kinder im Zweiten Weltkrieg“, Erinnerungen von Menschen, die die Besatzungszeit und Terrorherrschaft der Deutschen in Belarus als Kinder erlebten. Wir tourten gefördert vom Auswärtigen Amt mit dem Stück durch Deutschland und Belarus.
Die Flüchtlingsdebatte beherrschte den öffentlichen Diskurs in Deutschland und ich stellte ein Ensemble mit verschiedenen familiären Einwanderungsgeschichten zusammen, das die Kriegs- und Vernichtungserzählungen belarussischer Erwachsener aus ihrer Kindheit in ihren Muttersprachen neben Deutsch und Russisch auf der Bühne erzählte, Erinnerungen aus dem Zweiten Weltkrieg auf Tunesisch, Lingala, Belarussisch, Französisch, ein spannendes Babel-Experiment, der Verwirrung der Sprachen. Ich wollte einen Beitrag zu der Debatte leisten, dass wir als Deutsche unsere eigene Geschichte dabei im Blick behalten.
Nach den Aufführungen diskutierten wir als Theaterensemble mit dem Publikum sowohl in Deutschland als auch in Belarus.
Ein mehrsprachiges Ensemble
Proben und Szenenentwicklung in Köln











„Der Mann links hat einen trockenen Hals. Immer wieder muss er schlucken. Er tut es lautlos. Die Frau daneben knetet ein Papiertaschentuch in den Händen. Sie weint. Aber man hört es nicht.
Die Stille, die Mittwoch im Theater im Bauturm herrscht, ist die Stille des Todes.“
Susanne Schramm · Kölnische Rundschau · 14.06.2019

In Deutschland herrschte nach den Aufführungen immer minutenlang Stille. Keiner mochte klatschen.
Die Texte waren teilweise sehr brutal und schlugen durch die Sprachenvielfalt eine Brücke in die Gegenwart. Die Leute begriffen den Zusammenhang, diese Faltung der Zeitebenen: Deutsche brachten während des Zweiten Weltkrieges Leid und Krieg über die Welt, besonders über die ehemalige Sowjetunion. Deutsche wurden später selbst zu Kriegsflüchtlingen beim Vormarsch der alliierten Truppen.
Unterwegs in Belarus – Reise und Recherche
















Die Erinnerungen mögen teilweise verzerrt und trügerisch sein, die Traumata, die sie bei den Erinnerten auslösten, sind es nicht. So ruft der Abend nicht nur das Grauen der Kriegsrealität ins Gedächtnis, sondern wird auch zu einer eindringlichen Studie über das Wesen und Wirken des Erinnerns.“
Norbert Raffelsiefen · Kölner Stadt-Anzeiger · 19.06.2019




Begegnungen in Belarus
In Belarus waren die Diskussionen zum Stück anders.
Eine Erinnerung: Eine Frau erhob sich nach der Vorstellung in Minsk von ihrem Stuhl und sagte unter Tränen, dass eines der Kinder aus dem Buch ihr Vater sei, dessen Name auch auf unserer Eröffnungsprojektion zu sehen gewesen sei. Er konnte leider nicht mit zur Theatervorstellung kommen, da er im Krankenhaus liege.

Aufführungen und Begegnungen in Belarus
Brest – Kryly Khalopa Theatre





Minsk – Korpus Culture Center










Szenen aus der Inszenierung







Bobruisk – Time Club „1387“





Vielen Dank. Es ist unglaublich, wie man auf die Gefühle der Menschen einwirken kann. Alle hielten den Atem an, sahen euch zu und hörten euch zu. So etwas sehe ich zum ersten Mal. Danke!!!
Danke. Bewegend. Ich möchte nicht, dass mein Sohn so etwas durchmachen muss.
Die Stadt Bobruisk war vor dem Zweiten Weltkrieg eines der Zentren jüdischen Lebens in Belarus.
Während der deutschen Besatzung wurden mehr als 15.000 Jüdinnen und Juden in Bobruisk durch deutsche Soldaten und Polizei ermordet.
Ein älterer Mann berichtete, dass er sechzig Angehörige während der deutschen Besatzung und des Holocaust verloren habe.
Menschen, jung und alt, die das Recht auf freie Rede nicht für selbstverständlich erachten, in einem Land, in dem die Menschen aufpassen müssen, was sie öffentlich sagen, Menschen, die Verwandte im Holocaust und im deutschen Vernichtungskrieg verloren haben, diskutierten über ihre Vergangenheit und ihre Chancen in einer Zukunft, in der sie ihr Land nicht als abgeschottetes Land verstehen wollten, sondern als einen Teil von Europa, und über ihr Verhältnis zu Russland als belarussische Gesellschaft.
Doch es kam alles anders. 2020 wurden die friedlichen Proteste in Belarus für eine adäquate Coronapolitik und freie Wahlen niedergeschlagen, Menschen landeten wieder in den Foltergefängnissen und am 24.02.2022 begann die russische Vollinvasion in der Ukraine.

Erinnern, vergessen, schweigen
Diese Möglichkeit des Austausches, der intensiven Begegnung in Projekten wie dem deutsch-russischen Installations- und Hörspielprojekt „Horchposten 1941 – ja slyshu wojnu (Ich höre den Krieg)“ von 2017 über die Blockade von Leningrad durch die deutsche Wehrmacht oder auch dem „Die letzten Zeugen“-Projekt endete abrupt. Der eiserne Vorhang hat sich wieder geschlossen.

Beteiligte und Produktion
Vorlage
Swetlana Alexijewitsch
„Die letzten Zeugen – Kinder im Zweiten Weltkrieg“
Bearbeitung und Regie
Jochen Langner
Mit
Vika Biran
Noureddine Chamari
Terja Diava
Diana Fleyer
Mark Zak
Sprachberatung
Mikhail Evstyugov-Babaev
Regieassistenz
Fahri Sarimese
Foto, Video und Plakatgestaltung
Fahri Sarimese
Kooperationspartner
Theater im Bauturm, Köln
Kryly Khalopa Theatre, Brest
Deutschlandfunk
Förderung
Auswärtiges Amt
Premiere und Vorstellungen in Deutschland
12. – 14. Juni 2019
Theater im Bauturm, Köln
16. Juni 2019
Prinz Regent Theater, Bochum
17. Juni 2019
Werkstatt Theater Bonn
Tournee durch Belarus
4. und 5. Juli 2019
Kryly Khalopa Theatre, Brest
6. Juli 2019
Korpus Culture Center, Minsk
7. Juli 2019
Time Club „1387“, Bobruisk
Premiere und Tournee 2019

Premiere
12. Juni 2019
Theater im Bauturm, Köln
Weitere Vorstellungen
13. und 14. Juni 2019
Theater im Bauturm, Köln
16. Juni 2019
Prinz Regent Theater, Bochum
17. Juni 2019
Werkstatt Theater Bonn
Tournee durch Belarus
4. und 5. Juli 2019 – Brest
6. Juli 2019 – Minsk
7. Juli 2019 – Bobruisk
Gefördert vom Auswärtigen Amt tourte die Produktion 2019 durch Deutschland und Belarus.
Nach den Aufführungen fanden Publikumsgespräche mit dem Ensemble statt.
Zum Hörspiel
„Ein starker Versuch, Brücken zu schlagen, in einer Zeit, in der ein grassierender Nationalismus wieder Gräben zwischen den Ländern errichtet.“
Norbert Raffelsiefen · Kölner Stadt-Anzeiger · 19.06.2019