„Winterlied“ ist ein dokumentarisches Hörspiel von Jochen Langner. Ausgangspunkt ist eine Spurensuche: Vier Frauen aus der Ukraine, Belarus und Russland erzählen davon, wie es ihnen seit dem russischen Überfall auf die Ukraine ergangen ist. Einige von ihnen leben heute im Exil.
„Die Zeit faltet sich und berührt die Gegenwart.“
Aus „Winterlied“
Seit dem 24. Februar 2022 bin ich in Kontakt mit Menschen, die mir auf meinen Projektreisen der vergangenen Jahre unter anderem im Auftrag des Auswärtigen Amtes in Russland, Belarus und der Ukraine begegneten.
Es bildete sich über die ersten Monate des russischen Angriffskrieges in Gesprächen und Chats ein vielschichtiges Stimmen- und Meinungsbild aus diesen drei Ländern ab, von Menschen auf der Flucht aus dem ukrainischen Kriegsgebiet oder aus dem Exil wegen politischer Verfolgung in Belarus und Russland.
Bezeichnenderweise begegneten mir oft Frauen auf meinen Reisen, die zivilgesellschaftlich in den verschiedensten Positionen in den jeweiligen Ländern tätig waren oder noch tätig sind. So habe ich mich in diesem Hörspiel dafür entschieden, mich auf die weibliche Perspektive zu konzentrieren.
Ich pendle zwischen Berlin und Warschau, höre den Frauen zu, die über ihr Leben erzählen, die Flucht, das Exil, den heutigen Krieg und beginne die Suche nach meinem Vater.
Ich habe mich gefragt, was mich in meiner Arbeit immer wieder nach Osteuropa geführt hat. Heute denke ich, dass es etwas mit der Kriegsvergangenheit meines Vaters zu tun hat, seiner Gefangenschaft. Es gibt da so eine Art Spur des Schweigens.
Zwei Kriege, damals und heute. Die Zeit faltet sich und berührt die Gegenwart. Der Erinnerungsraum zwischen diesen beiden Kriegen ist prall gefüllt.
Hörspielausschnitt I

Zum Hörspiel
Programmtext des Deutschlandfunks · Quelle: Hörspiel und Feature
Jochen Langner hat in den vergangenen Jahren immer wieder Projekte realisiert, die den Zweiten Weltkrieg und seine Nachwirkungen umkreisen. Aus diesen Arbeiten entstanden Kontakte, Reisen und Freundschaften in Osteuropa – mit Schauspielerinnen, Regisseurinnen, Theatermachern und Kulturschaffenden.
„Winterlied“ fragt, was aus diesen Verbindungen geworden ist. Wie leben die Beteiligten heute? Was bedeutet Nähe, wenn Krieg, Exil und politische Gewalt Biografien neu ordnen? Und warum zieht es den Autor immer wieder nach Osteuropa?
Das Hörspiel verbindet Gespräche mit Frauen aus der Ukraine, Belarus und Russland mit einer persönlichen Spurensuche zur Geschichte des eigenen Vaters.
Das Hörspiel ist beim Deutschlandfunk abrufbar:
Süddeutsche Zeitung
Auszug„Der Eiserne Vorhang hat sich wieder zugezogen; und er trennt nicht wie früher allein den Westen vom Osten, sondern auch innerhalb des europäischen Ostens die Menschen voneinander.
Jochen Langner gelingt es dennoch, über Bande eine Art Gespräch in Gang zu setzen. Er forscht in den Dialogen mit den Frauen, ob irgendwann der Beginn einer Verständigung vielleicht wieder möglich sein könnte. Und webt eine eigene Geschichte ein: seine Recherche nach der Vergangenheit seines Vaters, der als Soldat an der Ostfront und schließlich in sowjetischer Kriegsgefangenschaft war, dort also, wo drei Generationen später erneut gekämpft wird, seit vier Jahren bereits. Jahre im Leben des Vaters, die für den Sohn mit einer großen Ungewissheit verbunden sind.
Gegen Ende erzählt Cynthia von dem Volkslied „Kupalinka“, in dem es die Zeile gibt: „Wo ist deine Tochter?“ Wir, die vier Frauen, seien doch alle Töchter, sagt Cynthia. Vielleicht bringe sie das eines Tages zusammen? „Kupalinka“ wird traditionell zu Mittsommer gesungen, 2020 haben es die Menschen in Belarus angestimmt bei den Protesten gegen das Regime. Ganz zart durchweht seine Melodie das „Winterlied“.“
Stefan Fischer, Süddeutsche Zeitung, „Eiserne Vorhänge“, 23.01.2026
Hörspielausschnitt II
KNA Mediendienst
Auszug„Diese Offenheit ist zugleich die Stärke und die Schwäche von Langners ›Winterlied‹. Aus den Recherchen nach seinem Vater nimmt er die Erkenntnis mit, dass sie letztendlich auf ihn selbst verweist und nicht auf seinen Vater. Das trifft auch auf seine Gesprächspartnerinnen zu, die eher für sich selbst stehen, denn als Zeuginnen des Epochenumbruchs, der sich gerade vollzieht.“
Jochen Meißner, KNA Mediendienst / Hörspielkritik, „Gefaltete Zeit“, 23.01.2026
epd medien
Auszug„Wo auch immer man hinreist, sich selbst hat man immer dabei.“
„„Winterlied“ ist somit auch ein Stück über Sackgassen und lose Enden.“
Alexander Matzkeit, epd medien, „Sackgassen und lose Enden“, 02.02.2026
Vollständiger Artikel
Format
Dokumentarisches Hörspiel
Von
Jochen Langner
Mit
Hanna Werth und Jochen Langner
Regie
Jochen Langner
Künstlerische Mitarbeit und Beratung
Elena Ubrig und Dr. Werner-Dieter Klucke
Storytelling
Hanna Steger
Ton und Technik
Stegermeister
Dramaturgie
Sabine Küchler
Produktion
Autorenproduktion im Auftrag des Deutschlandfunk
Jahr
2026
Länge
89’36 Minuten
Förderung
Film- und Medienstiftung NRW

